EIN AMI AUF WALZ IN WIESBADEN
Prolog
Vor 100 Jahren ungefähr, kam mein Urgroßvater, Hans Zimmermann, als ebensolcher auf der Wanderschaft bis nach Amerika. Und weil er hier nicht nur genügend Arbeit, sondern auch die Frau fürs Leben fand, beschloss er, sich hier als Hans Carpenter niederzulassen und eine Familie zu gründen.
Leider habe ich ihn nie kennengelernt, denn er starb 2 Jahre vor meiner Geburt. Doch er hat mein Leben mehr beeinflusst als meine Eltern oder Lehrer. Für mich war er schon als kleiner Junge ein Idol. Mit Begeisterung hörte ich Geschichten von früher und durfte irgendwann auch mal die Tagebücher seiner Wanderschaft lesen. Von da an stand für mich fest: auch ich werde einmal ein Zimmermannsgeselle, der durch die Lande zieht und nur so lange an einem Ort bleibt, wie er gebraucht wird und dann wieder sein Bündel schnürt, neuen Abenteuern und Arbeitgebern auf der Spur. Für mich hatte es so etwas Ursprüngliches, Rechtschaffenes und Sinnvolles an sich, als umherziehender Handwerker sein Leben zu bestreiten. Und ich wollte unbedingt das Land und die Stadt kennenlernen, aus der mein Urgroßvater stammte.
Und so verabschiedete ich mich von meinem Lehrmeister, meinen Eltern und Geschwistern und tippelte los. Vorher hatte ich mir nach der alten Zunftuniform meines Urgroßvaters eine zünftige Zimmermannskluft anfertigen lassen, samt Schlapphut, Stock und Bündel. Als ich sie zum ersten Male anzog, stiegen meiner Großmutter Tränen in die Augen, weil ich ihrem Vater so ähnlich sehen würde.
In den USA gibt es eigentlich keine Gesellen-Tradition und schon gar keine umherziehenden Zimmerleute, so dass ich ganz auf eigene Faust unterwegs war. Doch ich hatte weder Probleme Arbeit noch Unterkunft zu finden. Alle fanden es toll. Und so zog ich immer weiter und kam über Canada, Großbritannien und Dänemark letztendlich nach Deutschland. Dort besuchte ich erste einmal Mainz, die Geburtsstadt meines Urgroßvaters. Und tatsächlich fand ich noch die Tischlerei, wo er damals in die Lehre ging. Und hier lernte ich auch meine ersten Tippelkollegen kennen, mit denen ich weiter nach Wiesbaden zog.
Auf diesem Blog will ich von meinen Abenteuern und Erlebnissen auf der Walz berichten, von lustigen und traurigen Gesellen, üppigen und mageren Zeiten und von einer Handwerkstradition, die nicht nur handwerkliche Erfahrungen sondern eine unheimlich große Lebenserfahrung mit sich bringt.